Verbands-Info

Doppel-Interview mit Dominic Thiem und Günter Bresnik aus der Kleinen Zeitung

Protokoll einer erstaunlichen Partnerschaft (Kleine Zeitung, Sonntag, 28. Mai 2017, Hubert Patterer)

Dominic Thiem mit Trainer Günter Bresnik: „Opferbereitschaft, wie ich sie bei einem Spitzensportler noch nie erlebt habe“ ©GEPA Pictures

Sehr viel Glas und Marmor in der Bar des Spielerhotels in Rom. Am Eingang ein Spalier aus Sicherheitspersonal und Hostessen. Dominic Thiem kommt mit Kapperl, Jeans und Sponsor-Uhr. Günter Bresnik hat einen beigen Pullover um die Schultern gelegt. Draußen legt sich ein milder Frühsommerabend über die Piazza, mit lautem, fröhlichem Hupen. Thiem antwortet als Erster, doch dann ist es sein Trainer, Begleiter seit Kindheitstagen, der den Fluss des Gesprächs bestimmt. Sein Ton hat etwas dominant Väterliches, mitunter kippt er in eine Art prüfendes, insistierendes Abfragen, und es wird klar: ein Autoritätsverhältnis, wattiert mit viel Vertrautheit. Ein junger, wohlerzogener Mann an der Schwelle zum Erwachsensein. Man spürt die leise Emanzipation, die auf dem Platz bereits vollzogen ist. Zum ersten Mal geben der Weltklassespieler und sein Erfolgsgarant Seite an Seite Einblick in das Innenleben der wohl ungewöhnlichsten Paarbeziehung im Welttennis.

Es gibt ein hübsches Bild von Ihnen. Zu sehen ist der Coach mit Bacardi-Hut auf einem Trainingsplatz. Vor ihm der Wagen mit den Bällen. Es muss drückend heiß sein. Daneben steht mit gesenktem Kopf der Schützling. Mit dem T-Shirt wischt er sich den Schweiß und Staub aus dem Gesicht. Die Verhältnisse scheinen klar zu sein. Der eine hat die Lizenz zu quälen, der andere bezahlt ihn dafür.

DOMINIC THIEM: Ich hab das Bild noch im Kopf. Es war in Australien. Als ich jünger war, habe ich nicht immer verstanden, warum ich so hart trainieren soll. Irgendwann habe ich begriffen, warum es notwendig ist, an seine Grenzen zu gehen und sie auszureizen. Als Junger habe ich es halt unreflektiert mitgetragen.

Sie haben Ihren Trainer still verwünscht?

THIEM: Das ist vorgekommen, aber ich bin ja nicht gezwungen worden. Ich war kein Opfer von Zwang und Zucht. Seit ich 18 bin, empfinde ich es nicht mehr als Quälerei, weil ich ja sehe, dass ich stetig lerne und besser werde. Das Foto, das Sie beschreiben, fällt schon in diesen neuen Zeitrahmen.

Auf dem Leiberl des Trainers steht „Love hurts“ - Liebe schmerzt. Ist die Liebe zum Tennis gemeint? Muss sie wehtun, um an die Spitze zu gelangen?

GÜNTER BRESNIK: „Love hurts“ ist auf das Tennis bezogen. Es gilt auch hier, was im Leben gilt, in jedem Beruf: Man ist nur gut in dem, was man liebt. Der Spruch auf dem T-Shirt erzählt von den Begleiterscheinungen dieser Liebe: vom Schmerz einer Zu-null-Niederlage. Genau deswegen trainiere ich ihn: dass es ihm nicht mehr passiert.

Was ist der Kern Ihrer Pädagogik?

BRESNIK: Was ein guter Trainer macht, ist, jemanden zu unterstützen, dass er sich selbst komplett verausgabt. Und du bist derjenige, der ihn ausreizt. Quälen möchte man gar nicht. Ich sage das auch deshalb, weil ich älter geworden bin, weicher, und selbst Kinder habe. Manchmal muss ich mich zwingen, eine Übungseinheit nach dem x-ten Mal zu wiederholen. Ich muss mich als Trainer überwinden, weil ich sehe, dass er ein Mensch ist, der eine Opfer- und Leistungsbereitschaft an den Tag legt, wie ich es bei einem Spitzensportler nie erlebt habe.

Es ist keine normale Kundenbeziehung, die Sie verbindet. Sie haben Dominic mit acht Jahren, als Kind, übernommen. Was haben Sie am Buben wahrgenommen?

BRESNIK: Seine Eltern. Ich habe gesehen, mit welcher Intensität sie bereit waren, alles ihrem Kind und der Begabung unterzuordnen. Das war für mich eine zusätzliche Verantwortung. Sein Vater war Tennislehrer, der bei mir noch heute in der Akademie arbeitet. 1997 ist er zu mir gekommen. Herr Bresnik, ich möchte bei Ihnen lernen, wie man gute Tennisspieler unterrichtet, weil ich untalentiert bin, mit Jugendlichen und Hausfrauen zu arbeiten, die zum Zeitvertreib kommen. Ich habe ihn gefragt, wie alt er ist, ob er verheiratet ist und Kinder hat. Er hat gesagt, ich bin 25, verheiratet und habe einen vierjährigen Sohn. Ich habe ihm gesagt: Bei mir würdest du nicht einmal die Hälfte verdienen. Fahr nach Hause und entschuldige dich bei deiner Frau für diesen Ausflug. Der Vater war verzweifelt, ist nach Hause und am nächsten Tag wieder vor der Tür gestanden: „Ich will es machen.“

Und diese Hartnäckigkeit des Vaters hat sich übertragen?

BRESNIK: Verdichtet und potenziert. Er war als Kind nicht geschickter oder schneller als andere. Die Liebe zum Tennis war seine größte Begabung. Ich habe bei dem Buben nie gehört: „Heute will ich nicht, morgen will ich nicht, können wir aufhören?“ Hätte ich das gehört, wäre bei mir nie dieser Enthusiasmus entstanden. Der Bursche hatte immer die gleiche Wachheit, egal, ob wir zwei Stunden auf dem Platz gestanden sind oder vier. Diese Bereitschaft schon als Kind, sich zu überwinden, sich selbst zu quälen, war außergewöhnlich. Der hat sich das anerzogen. Es kommt ja kein Mensch mit der Fähigkeit, sich zu quälen, auf die Welt.

Herr Thiem, wie haben Sie das empfunden?

THIEM: Ich wollte einfach nur spielen, nichts anderes. Man denkt ja als Kind nicht perspektivisch. Man sieht das, was man tut, nicht als Beruf und auch nicht, dass es einer werden könnte, man spielt einfach. Weil es Spaß macht, weil man spielen will. Deshalb hat es mich auch nicht gestört, wenn das Training ewig dauerte. Ich hab's gar nicht gemerkt.

BRESNIK: Der Dominic wusste damals nur, wann seine Trainingseinheit begann, nicht aber, wann sie enden würde. Wenn seine Oma fragte, wann der Bub vom Training abzuholen sei, habe ich geantwortet: „Gnädige Frau, wenn wir fertig sind.“

Was sagte die gnädige Frau?

BRESNIK: Die Oma nickte, ging in die Kantine und bestellte sich einen Kaffee.

Das ist die Oma, die ihre Wiener Wohnung verkauft hat, damit der Bub Tennis spielen und zu den Turnieren fahren konnte.

BRESNIK: Die Geschichte kann ich nicht mehr hören, weil sie Zerrbilder produziert. Es war schlimm damals, die Familie hat viel aufgegeben, aber sie hat nicht gehungert.

THIEM: Wir sind an den Wochenenden kaum weggefahren, es gab auch selten Urlaube, aber am Hungertuch haben wir nie genagt, das ist richtig.

BRESNIK: Dafür ist der Papa einen alten Golf gefahren. Ist aber auch kein Malheur, wenn man jedes Jahr 60.000 Euro ausgeben muss für die Reisen zu den Turnieren und alles andere. Ich habe ihn mit 16 allein in den Flieger nach Amerika gesetzt, damit er selbstständig wird. Er kommt aus einem guten Elternhaus. Die Opas waren Bankdirektor und Architekt. Das war keine Würstelfamilie. Das Schöne an ihr war die Anteilnahme: Da waren die Mama, die Oma, die Tante, der Onkel. Alle sind sie abwechselnd von Wiener Neustadt nach Mödling gefahren. Jedes Mal 40, 50 Kilometer, nur um zwei Stunden oder länger herumzusitzen. Die wussten nicht einmal, wann sie wieder nach Hause kommen.

Ihr Trainer nennt Sie „Hey, Kleiner“. Sie sind 23. Stört es Sie?

THIEM: (zögert). Ich bin es seit meiner Kindheit gewohnt. Da war ich ja wirklich noch klein, damals hat es gestimmt.

BRESNIK: Eine depperte Angewohnheit. Ich hab nie gefragt, ob dich das stört. Es könnte sein, dass es ihm missfällt und mir das nicht bewusst ist. Er ist mittlerweile in allen Belangen größer als ich. So gesehen ist es vertrottelt, wenn ich „Kleiner“ sage. Es ist eine Koseform.

Bis vor Kurzem spürte man tatsächlich das Kind auf dem Platz: der Musterschüler, scheu, aufblickend. Jetzt spürt man die Reifung. Man sieht, dass er im Spiel einen Machtanspruch formuliert.

BRESNIK: Einen Machtanspruch auf dem Tennisplatz hat der Dominic immer erhoben. Am Anfang war er mir zu brav, zu artig. Er war zu wenig Skoff, zu wenig Koubek. Da war zu viel Kontrolle und zu wenig Tempo. Er ballte die Faust nicht, verzichtete darauf, nach einem gewonnenen, hart umkämpften Punkt, dem Gegner einen Blick zuzuwerfen, der die Machtfrage klärt. Die Großen gewinnen die Titel nicht, weil sie um so viel besser sind, sondern weil sie den Gegner mit ihrem Selbstvertrauen einschüchtern. Heute ist Dominic viel aggressiver im Kopf, und das auf eine einnehmende, empathische Art.

Kann man das Siegen lernen?

BRESNIK: Na klar. Das ist das, was ich am Tennis so liebe: Tennis als Spitzensport ist die feinste Marktwirtschaft, die man sich vorstellen kann. Einer kommt weiter, einer ist raus. Darwinismus pur. Das Gewinnenlernen ist eine eigene Disziplin, genauso wichtig und elementar wie technische, taktische oder körperliche Fertigkeiten. Er hat gelernt, keine Schwäche hinzunehmen und nie mit sich zufrieden zu sein. Das ist seine größte Stärke.

Im Buch „Die Dominic-Thiem-Methode“ schreiben Sie: „Talent ist unbedeutend“. Weil es zu Selbstgenügsamkeit verführt?

BRESNIK: Ich gehe noch weiter: Wenn jemand sehr gut ist, ohne ein Höchstmaß an Talent mitzubringen, dafür aber bedingungslose Willenskraft, dann hat er tendenziell eine höhere Wahrscheinlichkeit erfolgreich zu sein als jemand, der Begabung im Übermaß hat, dessen Leidenschaft und Opferbereitschaft damit aber nicht Schritt halten können. Das Wort Begabung gibt es nicht. Es ist immer harte Arbeit. Die Besten sind die, die am härtesten arbeiten. Genie ist ein Prozent Talent und 99 Prozent harte Arbeit. Sagt nicht Bresnik. Sagt Thomas Edison.

THIEM: Dieser Wille war immer da. Seit ich denken kann, wollte ich Tennisspieler werden. Ich wollte nie einen anderen Beruf ergreifen, weder in einer anderen Sportart und auch nicht einen normalen Beruf. Das ist nie zur Debatte gestanden. Ich wüsste bis heute nicht, was ich sonst machen würde und was ich sonst machen könnte.

BRESNIK: Du könntest alles machen, Dominic.

THIEM: Ja vielleicht eh, aber das war nie in meinem Kopf drinnen. Allein die Möglichkeit war gedanklich ausgeschlossen. Das hat mir auch niemand irgendwie reinerzählt, auch nicht die Eltern. Das war einfach da.

BRESNIK: Ganz richtig, das ist das Entscheidende.

Sie mussten das Gymnasium abbrechen. Bereuen Sie das?

THIEM: Nein. Eine Ausbildung kann man nachholen, die Karriere nicht. Es ging einfach nicht mehr. Als ich im Zeichnen wegen der Fehlstunden ein Nicht genügend hatte, war ich fort. Ich hab auch den Verzicht auf das Jungsein und was man damit verbindet, nicht als Opfer erlebt. Wenn die anderen am Wochenende durch die Discos gezogen sind, dann hat mich das einfach nicht interessiert. Deshalb war es auch kein Verzicht. Was schmerzlicher war, war der Verlust von Freunden. Im Tennis hatte ich einige wenige und in der Schule gar keine mehr, weil ich so viel weg war. Entschädigt hat mich das Reisen und das Unterwegssein. Das waren Abenteuer, die die anderen nicht erlebt haben. Ich habe keine schlimme Jugend gehabt.

BRESNIK: Was ihm geholfen hat, war die Nähe zur Familie. Andere haben mit 14 aus Tirol oder der Steiermark nach Wien ziehen müssen, weit weg vom Elternhaus. Du hast auf deine Familie nie verzichten müssen.

Waren nicht Sie das Gravitationszentrum dieser Familie?

BRESNIK: Ich habe den Vater nicht ersetzt und ihn auch nicht verdrängt. Im Gegenteil: Ich habe seinen Vater immer beneidet, weil er mit seinem Sohn mehr Zeit verbracht hat als viele andere Väter und Mütter.

Dennoch waren Sie mehr als ein Tennistrainer. Sie haben mit den Eltern die Erziehung abgestimmt.

BRESNIK: Richtig ist, dass ich mit den Eltern viel darüber gesprochen habe. Erzogen habe ich den Buben nicht. Er ist grundehrlich, alles Dinge, die ihm die Eltern beigebracht haben. Wenn er für einen Ball, der im Aus war, einen Punkt bekommt, fühlt er sich unwohl und kann an nichts anderes denken außer daran, dass er jemanden beschissen hat. Dann ist er minutenlang so irritiert, dass er danach mehr Punkte verliert, als hätte er gleich dem Schiedsrichter widersprochen.

Ist das so?

THIEM: Ja, das ist tatsächlich etwas, was mich in der Situation innerlich belastet.

BRESNIK: Das ist amtlich. Diese Ehrlichkeit, das sind seine Eltern. Die Wochenenden habe ich ja nicht mit ihm verbracht, aber sehr wohl habe ich mit den Eltern darüber gesprochen, was ich für die Charakterbildung als wichtig erachte. Ich hab ihnen gesagt, wenn er am Wochenende herumsitzt und mit dem Gameboy spielt, nehmt ihm das Glumpert weg und geht mit ihm in den Wald spazieren. Ich habe betont, dass Tischmanieren wichtig sind und dass er im Haushalt mithilft: dass er erkennt, wo Hilfe angebracht ist.

In Ihrem Buch zählen Sie soziale Kompetenz zu den Voraussetzungen für Erfolg. Gilt das auch für Tennis? Ich erinnere mich an Horst Skoff, einen Ihrer früheren Schützlinge. Er hat Tennis mit einem Boxkampf verglichen. Man müsse aggressiv sein bis zum Vernichtungswillen. Das schlägt sich mit Ihrem Tugendkanon.

BRESNIK: Den habe ich vorrangig auf die Tätigkeit eines Trainers bezogen, auf Persönlichkeiten, die andere führen müssen. Ein Tennisspieler muss niemanden führen. Der ist quasi ein freier, herumlaufender, wilder Wolf. Aber selbst der Wolf muss soziale Intelligenz haben. Ich halte das nicht für unwesentlich. Schon gar nicht für den Dominic, den ich als sensiblen Spieler bezeichne.

Was heißt in der Arena sensibel sein?

BRESNIK: Eine wache Empfindung dafür zu haben, was um einen herum geschieht. Mir taugt das, wenn einer weiß, was der Schiedsrichter für ein Typ ist, was der Gegenspieler für ein Mensch ist, wie das Publikum ist und welche Schwingungen von ihm ausgehen. Ein kompletter Spieler sollte auch eine komplette Persönlichkeit sein.

Ist zu viel Sensibilität nicht hemmend?

BRESNIK: Hemmend nicht, aber Sie haben recht: Sensibilität ist für seinen Erfolg nicht ausschlaggebend. Am Platz ist er letztendlich ein Tier. Wenn er gut spielt, schaltet er alles links und rechts weg und beschäftigt sich nur mit einer Sache.

Mit der Person auf der anderen Seite des Netzes.

THIEM: Nicht einmal mit der Person, dem Gegner. In erster Linie mit dem Ball.

Stört es Sie, wenn Ihr Trainer öffentlich über Ihre Schwächen spricht? Sie sind Nummer sieben der Welt.

THIEM: Das stört mich überhaupt nicht, denn das sehe ich ja selber, dass ich nicht am Höhepunkt meiner Möglichkeiten bin. Ich erkenne die Schwächen, wenn ich spiele, und ich erkenne sie, wenn ich mich später im Fernsehen analysiere. Ich sehe tausend Dinge, die ich hätte besser bewältigen können und die womöglich zu einem anderen Ausgang geführt hätten.

BRESNIK: Ich frage ihn nach einem verlorenen Match immer ganz nüchtern, wie er es empfunden hat, welche Situationen er als entscheidend erlebt hat. Erst dann beeinflusse ich ihn und erzähle ihm, was ich wahrgenommen habe. Ich konzentriere mich auf das Grundsätzliche: Wo ich Verbesserungspotenzial sehe, technische Fehler oder taktisch grundlegende.

THIEM: Es sind automatisierte Dinge. Wenn ich es danach im Fernsehen anschaue, denke ich mir, wie deppert ist das? Warum spiele ich die Kugel dorthin?

BRESNIK: Partien wie gegen Nadal oder Djokovic sind deshalb so schmerzhaft, weil sie dir gnadenlos die Defizite aufzeigen. Gegen Schwächere reicht es schon, wenn er fünfmal mit Druck wohin spielt, weil der andere irgendwann den Fehler macht. Aber dann, gegen einen Großen, spielt er ihn zehn Mal wohin, und der kommt zehn Mal zurück. Da muss er dann technisch so perfekt sein, dass er das unterbindet. Weißt du noch, Dominic, was du nach der ersten verlorenen Partie gegen Nadal bei der Rückkehr in Wien gesagt hast? Du weißt es genau.

Was hast du gesagt, wie du nach Wien gekommen bist? Der ist noch nicht einmal aus dem Flieger ausgestiegen, und was hast du gesagt? Ich kann es dir aufschreiben.

THIEM: Dass ich zu weit hinten gestanden bin.

BRESNIK: Nein, was wolltest du üben?

THIEM: Rückhand cross.

BRESNIK: Günter, wir müssen Rückhand cross üben. Ich habe kein Wort über das Match verloren.

THIEM: Es war aber relativ einfach zu erkennen, woran es gehapert hat.

BRESNIK: Dominic, aber andere kommen nicht und sagen, da habe ich eine technische Schwäche. Dann hat er vier Tage nichts anderes gemacht, als Rückhand cross zu üben, und zwei Wochen später spielt er mit der Rückhand cross, und das hat nicht schlecht ausgeschaut. Deswegen schaut man sich als Trainer ein Match an, vor Ort oder vor dem Fernseher - abgesehen davon, dass das Spaß macht, wenn er sich normal aufführt am Platz, was er in den letzten Wochen auch grosso modo getan hat. Ich schau ihm gern beim Tennisspielen zu. Seit er ein Kind ist, schau ich ihm gerne zu.

Spielen Sie lieber und freier, wenn Ihr Trainer nicht auf der Tribüne sitzt?

THIEM: Nein, der Blickkontakt während des Spiels ist mir schon wichtig.

BRESNIK: Aber es muss nicht ich sein. Er braucht jemanden, der draußen ist, dem er vertraut. Aber ich hoffe jetzt nicht, dass er irritiert ist, wenn ich es bin, der draußen sitzt. Ich kann mich in den 10, 15 Jahren, in denen wir zusammen sind, nicht an eine einzige Situation erinnern, wo es eine Auseinandersetzung in Streitform gegeben hätte, nie. Er ist immer ganz analytisch, sofort nach dem Spiel. Er kommt nach einer Niederlage raus und will sofort reden.

THIEM: Ich habe einfach das Bedürfnis, ein verlorenes Match sofort zu analysieren, egal, was passiert ist, und obwohl es extrem wehtut.

BRESNIK: Und was auffällt: Es gibt nie eine Schuldzuweisung, depperter Trainer oder depperter Schiedsrichter oder deppertes Wetter, nie. Es kommt vor, dass wir sofort nach einem Match trainieren gehen, um einen Fehler aus dem System zu kriegen.

THIEM: Im Tennis wird man leicht dazu verleitet, während eines Spiels, wenn nichts läuft, die Unzufriedenheit auf jemanden anderen zu projizieren. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt und einen nur schwächt.

Wann wird Günter Bresnik laut?

THIEM: Jetzt nicht mehr, jetzt ist das Alter vorbei. Früher schon, vor allem, wenn ich Dinge vorsätzlich nicht gemacht habe, weil ich das Warum nicht verstanden habe. Heute schon.

BRESNIK: Er hat sich nie deppert aufgeführt.

THIEM: Deppert nicht, aber ich hab halt manchmal gern geraunzt.

BRESNIK: Gegen Raunzen bin ich allergisch, das stimmt. Da kann ich laut werden. Das haben wir geklärt. Die Leute kommen ins Stadion, weil sie Spieler erleben wollen, die mit Freude und Hingabe ihr Können zeigen. Die wollen für ihr Geld keine negative Energie. Wenn jemand an die Spitze möchte, kann man Raunzen nicht akzeptieren. Es hätte seine Entwicklung extrem behindert.

Herr Thiem, wie ging es Ihnen, als Günter Bresnik anordnete, die Rückhand nicht mehr beidarmig zu spielen, sondern auf einarmig umzustellen?

THIEM: Ich war zwölf oder dreizehn. Es ist, als müsste einer die Schreibhand auf Befehl wechseln. Das Urvertrauen, das man sich bei einem Schlag jahrelang aufgebaut hat, ist mit einem Schlag weg. Ich habe dann danach die Spiele auch reihenweise verloren, bis langsam das Vertrauen in die neue Schlagtechnik gewachsen ist. Heute weiß ich: Ohne diese Umstellung wäre ich nicht da, wo ich bin. Ich könnte niemals diese Wirkung und Geschwindigkeit erzielen.

BRESNIK: Die Rückhand war die größte Baustelle. Der Schlag hatte mich immer schon gestört. Er hat den Schläger mit beiden Händen umklammert, als wollte er ihn erwürgen. Bei der beidarmigen Rückhand übernehme ich immer nur die Geschwindigkeit des Gegners, ich reagiere. Bei der einarmigen bin ich es, der die Geschwindigkeit bestimmt und die Macht im Spiel übernimmt. Wie Edberg. Oder Becker. Das war am Anfang sicher eine Belastung, auch für die Beziehung. Er ist wie ein Häufchen Elend auf dem Rücksitz gesessen, als ihn die Eltern von den Turnieren heimgebracht haben.

Haben Sie das Kind auch als Aktie betrachtet, die einmal steigen würde und von deren Dividende Sie irgendwann reich werden würden?

BRESNIK: Nein, man kann nicht planen, was aus einem Kind wird. Er war für mich nie eine Anlageform. Er hat mich nicht bezahlt, bezahlt hat uns beide die gemeinsame Arbeit und das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit. Ich hab nie gesagt, ich bekomme jetzt für eine Trainerstunde 50 Euro. Das hat es nie gegeben. Dadurch, dass er in der Weltrangliste immer weiter nach oben geklettert ist, verdient er viel Geld, und ich bekomme einen Teil davon.

Die Preisgelder, die Startgelder und die Sponsorenerlöse haben Sie zu Millionären gemacht. Eint das viele Geld oder hat es auch etwas Spaltendes? Vielleicht, weil man als Weltklassespieler im Stillen denkt: warum teilen?

THIEM: So denke ich nicht. Ich weiß, was ich dem Günter zu verdanken habe und wie sehr ich noch immer von ihm lerne.

BRESNIK: Der Erfolg ist kein Gift für unsere Beziehung, das lassen wir nicht zu. Und was das Geld betrifft: Es ist vertraglich abgesichert. So wie man einen Ballabdruck nicht wegwischt, wischt man auch die gemeinsame Vereinbarung nicht weg.

THIEM: Die Beziehung ist noch immer so vertraut, dass das Vertragliche gar nicht nötig wäre.

Kommen im Erfolg falsche Einflüsterer, die einem nahelegen, den Trainer zu wechseln, weil es da draußen bessere gebe?

THIEM: Da bin ich immun. Ich sehe an mir noch immer die Fortschritte, die ich mache. Auch wenn sie heute kleiner sind als vor Jahren. Es gibt keinen Besseren für mich.

BRESNIK: Ich tu mir leichter, weil ich so viel älter und seit 30 Jahren im Trainergeschäft bin. Ich hatte so unterschiedliche Charaktere wie einen Becker, einen Skoff, einen Koubek, einen Leconte. Jeder Einzelne hat auch mich besser gemacht. In der Umkleidekabine kommen von zehn jungen Trainern wie viele, die mich etwas fragen?

THIEM: Zehn.

BRESNIK: Ich hab eine sehr angesehene Position unter den Trainern. Das kriegt er natürlich mit. Egal, ob das ein McEnroe oder ein Ivan Lendl ist, „Servus, Günter, wie geht's, was machst, gratuliere!“ Und dann geben sie Tipps, wie Dominic noch besser Tennis spielen kann. Das erleben andere nicht. Der Dominic muss mir für nichts dankbar sein, er hat eine außergewöhnliche Begabung. Er hat auch viel, viel mehr gemacht und gearbeitet. Alle, die sich da oben aufhalten, sind außergewöhnlich begabt und arbeiten viel, viel mehr als andere.

Wie ist das, wenn man mit 23 Jahren Millionär ist?

THIEM: Ich gehe damit völlig entspannt um. Ich spiele nicht, um Millionen anzuhäufen. Ich hab auch früher nie wegen des Geldes gespielt. Ich spiele, weil ich gern spiele. Luxus bedeutet mir wenig. Es ist kein Ziel.

Sie tragen eine Rolex-Uhr.

THIEM: Ja, aber nur, weil ich einen Vertrag mit der Firma habe. Ich weiß nicht einmal, was so eine Uhr kostet, weil es mich nicht interessiert.

BRESNIK: Ich glaub ihm das, es ist ihm egal. Er mag Qualität, aber der Preis ist ihm nicht wichtig. Er braucht keine schnellen, auffälligen Autos. Er braucht keinen Schmuck.

Was brauchen Sie?

THIEM: Ich freu mich, wenn ich nicht mehr, wie als Junger, minutenlang die Menükarte studieren muss, um ein leistbares Essen auszusuchen. Und wenn ich zu Hause bin, gönne ich mir biologisches Essen, das fast doppelt so teuer ist. Davor hätte ich früher zurückgeschreckt.

BRESNIK: Nach dem Finale in Madrid hätte er mit dem Privatjet weiter nach Rom fliegen können. Das hat er zurückgewiesen, weil er keine Sonderbehandlung wollte. Am liebsten gibt er Geld für Fußballmatches aus, für seinen FC Chelsea. Und einmal im Jahr genießt er es, wenn er schön auf Urlaub fährt.

THIEM: Noch mehr Freude macht es mir, wenn ich daheim Freunde zu einem guten Essen einladen darf. Und wenn ich meinen Eltern zurückgeben kann, was sie in jungen Jahren für mich getan haben.

Wann ist euer Ding zu Ende?

BRESNIK: Man weiß nie, ob er ganz vorne stehen wird. Zu Ende ist es, wenn er aufhört, Tennis zu spielen. Dann ist unser beruflicher Weg vorbei. Der wird sich verändern, wenn ich ihn im nächsten Jahr bei fünf, zehn Turnieren nicht mehr persönlich begleite, weil es nicht mehr notwendig ist. Unser Verhältnis würde sich abnutzen, wenn wir nicht Abstand halten. Sein Ziel ist klar. Er will ein Grand-Slam-Turnier gewinnen und die Nummer eins der Welt werden. Er hat keine Limits.

Was wird das Bleibende sein?

BRESNIK: Wenn er in zehn Jahren ein Problem hat und etwas bedrückt ihn, und der Papa ist gerade auf Urlaub, würde es mich freuen, wenn er mich anruft. Das wäre ein beglückender Moment.

Von Hubert Patterer

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